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(dis)worlding
Realitäten des fremden Anderen, liminale Praktiken der Differenz und deviante queere Narrationsräume in den Berliner Techno-Subkulturen
772 Seiten, deutsch
2026, edition assemblage
We have a view on the world but don't have a sense of the world. Wie die Macht über die Rahmung zu bestimmen, die soziale Dimension von Raving-Communities diktiert und die Erfahrung des Anderen strukturiert und nivelliert.
(de) Die hegemoniale und techno-subkulturelle Gegenwart Berlins ergibt sich aus einer Nachwende-Narration der Vereinigung heraus, die sich in wiederholten Kumulationen von außergewöhnlichen Umständen, in wechselnden (macht)politischen Verhältnissen und demografischen Verschiebungen ereignet. Ein urbaner Körper in Bewegung zwischen Stabilität und Instabilität, der sich immer wieder de-/rekonstruiert, kollabiert und sich konstitutioniert. Ein Raum der gesellschaftlichen, kulturellen, ökonomischen und symbolischen Brüche und Übergänge, in zyklischen Wiederholungen aus unterschiedlichen Perspektiven umworben, eingenommen, abgelehnt, vereinnahmt, besetzt, umgedeutet, überschrieben. Politisch geht es darum, dem straighten Denken der heteronormativen Hegemonialität folgend, Mehrheiten durch Ausschluss von Minderheiten zu bilden, während sich die Realitäten von Raving der Differenz zum Anderen bewusst/unterbewusst, nach innen/außen öffnen. Jede Erschütterung sensibilisiert das Bewusstsein, fördert Selbstregulierung, Intersubjektivität und Resilienz. Jede Verschiebung wirkt subjektiv/kollektiv, lokal/global, irl/online. Performative Handlungen und repräsentatives Image hingegen verpuffen aktionistisch und münden in eine weitere individualistische Beschleunigung der Verhältnisse.
Die sogenannte Club-Kultur Berlins, die sich vielmehr als dissoziale Sozietät ergibt, erweist sich als Verdichtung und Verschiebung dieser Entwicklungen, ihr körperliches Erfahrungswissen gerät unter den Einfluß globaler und virtueller Räume. Sie stellt nicht nur einen der wenigen relevanten Standort- oder Wirtschaftsfaktoren für die Stadt dar, sondern ist ein dissozialer Glitch in der Zeit, eine Faltung im Continuum, ein Bruch in den kulturellen Verhältnissen, als Gegenöffentlichkeit für marginalisierte Gruppen. Eine umtriebige queere Community ist heute innerhalb der Techno-Subkulturen prägend und soll Zuflucht von den dominanten Verhaltensweisen und Machtmechanismen der Hegemonialgesellschaft bieten. Clubs können für marginalisierte Subjekte eine Sozietät der Zugehörigkeit und des Anderen gleichzeitig bestimmen und bieten weit mehr als eine Möglichkeit der hedonistischen Freizeitgestaltung. Raving ist situatives, temporäres und repetitives (Dis)worlding, queeres Welt-Verfremden, ziviler Ungehorsam und Courage der Ränder, ambigue Differenz, Akkumulation von Dissonanz, Annäherung an das Fremde, kollektives Dissoziieren von Welt, vorübergehende Verschiebung der Wahrnehmung, der Körper, der Zeit und der Realität. Diese Räume der nicht-normativen Körperlichkeit scheinen heute ausdifferenziert, homogenisiert, hegemonialisiert und kommerzialisiert.
Während queere Räume Orte der größtmöglichen Freiheit und damit einhergehend Orte der geteilten Verantwortung sein sollten, ist heute ein erhöhtes Bedürfnis nach Sicherheit und Regulierung zu spüren. Begriffe wie Diversität, Awareness oder Inklusion werden aus kultur- und bildungspolitischen Debatten übernommen, erschöpfen sich in der Praxis allerdings häufig in einem dominanzkulturellen Reflex der Herstellung von Meinungshoheit. Eine Reproduktion der Verhältnisse durch eine gebildete Mittelschicht über Vorschreibungen, Schuldzuweisungen und unterkomplexe Lösungsansätze setzt sich durch. Sie unterdrückt nicht nur Selbstreflexion, sondern zielt auf Praktiken der Kontrolle, des Policing, neoliberales Outsourcing von Verantwortung und Übertragung von Fürsorgearbeit an die Betroffensten in unseren Communities ab. Die dissoziale Realität von Raving wird als eine mentale Simulation kulturalisiert und intellektualisiert, um für eine internationale mobile Mittelschicht ein Bild trügerischer Sicherheit und politischer Korrektheit aufrecht zu erhalten und notfalls durch strukturelle Regulierung durchzusetzen.
Wir wollen soziale und kulturelle Differenz nicht als Konflikt wahrnehmen, der durch Kommunikation oder Konfrontation gelöst werden soll, sondern als ein Driften in Lebensrealitäten des Anderen, ein Ent- und Umwelten der eigenen subjektiven Realität und Attuning mit Realitäten des Fremden. Dabei fühlen wir uns aufgrund unserer eigenen Herkunft und Erfahrungen einer negativen Theorie verpflichtet, einer Herangehensweise, die darauf hinarbeitet, Definitionen und konzeptionelle Raster durch Anreicherung von Kontext zu deformieren, Systeme zu überlasten und Rahmungen laufend zu verschieben. Wir wollen die Differenzen und Ambiguitäten sozialer Realität erfassen, auf unbestimmte Momente des körperlichen Vertrauens und der Akzeptanz des Anderen aufbauen und multidimensionale Perspektiven aufzeigen. Wir agieren aus einem Innenraum heraus, wollen nicht ausstellen oder zugänglich machen, nicht idealisieren oder romantisieren, sondern die Binarität kultureller, ökonomischer, sozialer und symbolischer Machtstrukturen in den Sub- und Ravekulturen Berlins überschreiben. Dabei werden die systemischen Limitationen identitätspolitischer Repräsentation offensichtlich. Wer wird ermächtigt? Was bringt es, eine Stimme zu haben, wenn im Konkurrieren um Aufmerksamkeit niemand mehr zuhört? Für die gesellschaftliche Sozietät gilt dabei genauso wie für die temporäre und situative Verengung in der Praxis des Raving: Je mehr wir uns der Differenz entziehen und sie unterdrücken, umso bedrohlicher wirkt sie auf uns ein, da sie sich umso vehementer, eruptiver und unkontrollierter aus dem Unterbewusstsein heraus bemerkbar macht. Wenn eine hyperaware und digital vernetzte Gesellschaft des straighten Denkens jede kleinste Bewegung registriert, kommentiert, skandalisiert und abwertet, und sich in einer Spirale der Angst selbst markiert, werden systemische Verhältnisse maskiert und Widerständigkeit verunmöglicht.