ESSAYS AND WRITINGS

Glitchtopia

Neo Xan
Berlin als Verhandlungsort queerer Körperpolitik(en)
tin*Stories 2022

(Un)menschliche Körper: Auf den Bären gekommen. Queere Geschichte als Möglichkeitsraum für (un)sichtbare Körper

Auf dem Landeswappen der Stadt Berlin ist ein Bär abgebildet: haarig, stark, mit großen Pranken, aufrecht stehend. Wie der Bär zum Berliner Stadtsymbol wurde, ist nicht zur Gänze geklärt. Behauptet wird im Volksmund, dass der Name Berlin vom Bären abstamme. Historiker*innen vermuten, dass Albrecht I. von Brandenburg, der auch Bär genannt wurde, der Ursprung des Namens sein könnte. Nichts davon lässt sich wissenschaftlich belegen, doch soll der Bär Ausgangspunkt für uns sein, um queere und trans-inter-nicht-binäre (kurz tin*) Geschichte(n) in Berlin näher zu beleuchten. 

Utopias have always entailed disappointments and failures.
Saidiya Hartman, Lose Your Mother

Berlin ist seit jeher genauso Sehnsuchts- und (Zu)fluchtsort wie ein Ort des Scheiterns und des Verlustes. Das ganze Stadtgebiet scheint ein geschundener Körper voller offener Wunden, behelfsmäßiger Kittungen, (historischer) Risse und Brüche, geschwürartiger (sozialer) Wucherungen und (sub/kultureller) Auswüchse zu sein. Berlin ist ewiges Provisorium, ein Fehler im eigenen System ('arm aber sexy'), voller schillernder Kontraste und gleichzeitig nebelige Grauzone. Berlin ist wie kaum eine andere Stadt voller Widersprüche. Die Stadt befindet sich in andauerndem Wandel und war besonders in ihrer jüngeren Geschichte oftmals ein Ort mit einer Fülle von tiefgreifenden, unkontrollierbaren Veränderungen, die die gesamte Gesellschaft betrafen. Die Ereignisse passieren dabei meist unmittelbar, wie eine Faltung und Überlappung, ein Glitch, also sozusagen eine Störung in Raum und Zeit: die wilden 1920er, deren gesellschaftliche Aufbruchstimmung und gewaltsames Ende, als die Nationalsozialisten die Macht übernahmen; Marginalisierung, Verfolgung und Auslöschung ganzer Bevölkerungsgruppen; größenwahnsinnige Machtfantasien, die sich körperlich im 'arischen Typus' und städteplanerisch im Entwurf von Germania manifestierten; Kriegstraumata, Dezimierung der menschlichen Körper im Krieg und die Überzahl an (Trümmer)Frauen, deren Männer nicht oder traumatisiert von der Front zurückkehrten; die vier besetzten Zonen der Siegermächte, Wiederaufbau; die DDR, die ein eigener Staat wurde und die Mauer als vermeintlicher Schutzwall, aber vielmehr noch als Barriere und Gefängnis; eine geteilte Stadt, Denunziation, Totalitarismus, Stasi, Flucht- und Ausbruchsversuche, zerrissene Familien, politische Ideologien; West Berlin als Sammelpunkt für junge, vor allem männliche (um den Wehrdienst zu umgehen) Aussteiger, Dark Wave, Heroin-City; Mauerfall und die darauf folgenden hoffnungsvollen Momente, besetzte Häuser, Freiheit und Naivität, Wiedervereinigung, der Traum vom Westen, die faktische Auflösung der DDR, das Verscherbeln der Infrastruktur im Osten; Techno und Nachtleben als Parallelwelt und Eskapismus, neue (synthetische) Drogen, neue (elektronische) Musik, Neonazis, Migration, Sexarbeit, die Kommerzialisierung der Stadt zwischen Gentrifizierung und Prekariat; die aufkeimende Startup-Kultur, Medien- und Kreativstadt, neue Bürgerlichkeit, internationaler Billigflieger- und Feier Tourismus und der neuerliche Stillstand der Stadt in der Pandemie. Wo unvorhersehbar althergebrachte Normen, Konventionen und Weltsichten nicht mehr greifen und Verhältnisse neu ausverhandelt werden müssen, entsteht Raum für Veränderung, für einzelne Gesellschaftsschichten und Milieus genauso wie für die Gesamtgesellschaft. Berlin war schon immer ein Dazwischen, Dreh- und Angelpunkt der krassen Gegensätze und gleichzeitig ein Ort der Freiheit – die man sich nahm, wenn man konnte – der Vielfalt und Facetten. Radikal gelebte, intensive Gegenwart. Immer anstrengend, nie zur Ruhe kommend. Berlin ist niemals (synchron)(eindimensional)(vereint): Die Geschichte Berlins ist bis heute immer auch ein Kampf um und gegen die vorherrschenden und dominanten Narrative, ein Bemühen um die Deutungshoheit der Geschichte. Die fragmentierten Lebensrealitäten marginalisierter Gruppen anzuerkennen und damit deren Handlungsfähigkeit zu stärken, um daraus die urbane Gegenwart adäquater gestalten zu können (und daraus Schlüsse für eine mögliche Zukunft zu ziehen), bleibt eine zentrale Anforderung an eine politische Gesellschaft und an uns selbst. Innerhalb dieser geopolitischen und historischen Parameter kann die Frage nach den besonderen, oft ungeklärten Bedingungen von tin* Körpern irgendwo im Niemandsland zwischen Freiheit und Repression helfen, ein Verständnis für eine offene(re), soziale(re) und gemeinschaftliche(re) Gesellschaft zu entwickeln. Diese Lebensrealitäten haben in den meisten Fällen keine Wahl und wirken - als Ausschluss - von den Rändern der Gesellschaft in diese hinein. Wir wollen diese Lebensbedingungen und -räume herausarbeiten und in die bestehenden hegemonialen (vorherrschaftlichen) Narrative einflechten. So können wir im besten Falle passende(re) Formen des Zusammenlebens etablieren, welche von den nicht mehr haltbaren Konzepten der staatlichen Fürsorge und Kontrolle (etwa der klassischen Kernfamilie) abweichen und die gelebte Realität der Gegenwart widerspiegeln (wie Co-parenting, Wahlfamilien, rechtlich abgesicherte Verantwortungsgemeinschaften). Queeres Leben wirkt so nicht nur als Opposition, sondern auch als realer und realistischer Ausweg in eine gerechtere relationale Zukunft der gesamten städtischen Gemeinschaft. 

Wir sehen Geschichte weder als für immer festgeschriebene Vergangenheit, noch als statisch oder abgeschlossen, sondern als eruptiv, nicht-linear, unlogisch, irrational und sprunghaft: Körper, Identitäten und Handlungen, die sich ständig in Bewegung befinden. ‘Always in a state of becoming’ (dt. Ständig im Werden), eine Aneinanderreihung von Höhen und Tiefen in unterschiedlichen Intensitäten, die jeweils aus der Gegenwart heraus verhandelt und vor allem auch laufend strukturell bewertet, medial und machtpolitisch bevorzugt werden. Individuelle (queere) Erfahrung überschneidet sich dabei mit kollektiver Entwicklung und wird gerahmt von den Regeln einer (reaktionären) Gesellschaft, die Abweichungen bewusst unterdrückt. Wenn queere Geschichte(n) erzählt werden, dann handeln diese auch immer von (Un)sichtbarkeit und somit auch von der (Un)trennbarkeit von Privatem und Öffentlichem: Queere Körper sind per se politisch. Gerade weil sie sichtbar und damit verletzlich und angreifbar sind. Queere und tin* Körper sind die Anderen, die Fremden und reihen sich so in einer Geschichte der Ausgeschlossenheit, gemeinsam mit allen anderen (suspekten)(bedürftigen) Subjekten an den Rändern der Gesellschaft ein (Schwarz, Asiatisch, Indigen, muslimisch, körperlich oder geistig behindert, mittellos, obdachlos). Berlin ist (un)sichtbarer Bezugs- und Aufenthaltsort und dennoch vergleichsweise ein Safe(r) Space: Die Beschaffenheit der Stadt begünstigt das Leben (autonomer)(diverser)(divergenter) Subjekte und Körper. Nicht gesehen zu werden, unter dem Radar der Gesellschaft zu sein, kann Körpern - insbesondere queeren und tin* Körpern - zwar (körperliche)(psychische) Sicherheit bieten, sie aber damit der Öffentlichkeit teilweise oder zur Gänze entziehen und ihr gemeinsames Leben auf verborgene Orte zu konzentrieren. 

Zurück zur Körperlichkeit des Bären: 'Das Bärenkostüm, ein Ort der Übergangs-Erotik, an dem Traumata gepflegt werden können. Haarige Sexualität. Monströses Begehren. Ein Körper in einem Körper.' schreibt Künstler*in Emma Wolf-Haugh über Saint Suzie der Bär (1854-1964), eine tin* Person aus der Arbeiterklasse, die im Berlin der 1920er Jahre in Parks und Gärten nach sexuellen Begegnungen suchte. Suzie trug Männerkleidung, kleidete sich als Matrose und verdiente ihr*sein Geld mit Darbietungen von Männlichkeit. Suzie war weder eindeutig Frau, noch Mann. Eine von Suzies Liebhaber*innen war Claire Waldoff, eine bekannte lesbische “Volkssängerin”, die regelmäßig im Tanz- und Unterhaltungslokal Dorian Gray auftrat. Dort fing Suzie damit an, regelmäßig im Bärenkostüm gemeinsam mit Claire zu performen. Der Bärenanzug ermöglichte Suzie eine nicht binär zuweisbare Erweiterung des eigenen Körpers. Dieser Körper als Prothese ging sowohl über feminine Repräsentation als auch über eine lesbisch-dyke-butch Darstellung von Maskulinität hinaus und ermöglichte es Suzie, raue Zärtlichkeiten und Intimitäten zumindest auf Distanz zu erfahren.

Der Arzt und Sexualforscher Magnus Hirschfeld war schon Anfang des 20. Jahrhunderts davon überzeugt, dass queere Menschen und insbesondere tin* Personen ein Umfeld brauchen, das ihnen Toleranz und Vertrauen entgegenbringt und ein Verständnis für ihre Lebensrealität hat. Hirschfeld nannte diesen neuen Ansatz Milieu Therapie, eine Vorstufe heutiger Community- und Care Konzepte. Sein Institut für Sexualforschung wurde zu einem solchen Ort der Zusammenkunft, den auch Künstler*innen und Wissenschaftler frequentierten. Dem weiteren homosexuellen Volk blieb das gewöhnliche Vergnügen: um 1900 zählte Magnus Hirschfeld sechs schwule Bierlokale, 1910 waren es doppelt so viele. Parks, Bahnhöfe, Badeanstalten und öffentliche Pissoirs (wegen ihrer Form Cafè Achteck) waren beliebte, aber auch berüchtigte und gefährliche (anonyme) Treffpunkte. Schwule und lesbische Orte waren in den 1920ern geographisch größtenteils konzentriert auf wenige Gebiete Berlins, die Stadtteile Kreuzberg (nördlicher Teil) und Schöneberg (um den Nollendorfplatz). Außerdem lagen viele dieser Orte des (semi-öffentlichen) Vergnügens teilweise versteckt oder zumindest unauffällig. Die Bars und Clubs befanden sich in Laufnähe zueinander und auch die Wohnorte der Besucher*innen dieser Etablissements konzentrierten sich praktischerweise auf diese Gebiete. Man musste schließlich sicher und unauffällig wieder nach Hause gelangen. Diese Lokale waren Orte des Vergnügens und des Austausches, der Organisation des täglichen Lebens, oft aus der Dunkelheit des Nachtlebens heraus, aber auch Weltflucht: hier besprach man, wo man unterkommen konnte, sprach über Politik und Kultur, praktizierte und genoß Kunst und Musik, lernte Sexpartner*innen kennen, und fand sich für ein paar Stunden in der Sicherheit einer gelebten, aber ganz und gar nicht romantischen Utopie ein. Schwul-lesbisches Leben war bei Tag nahezu nicht sichtbar in der Öffentlichkeit der 1920er Jahre und war dem ausschweifenden Nachleben mit mittlerweile 170 Clubs und Bars vorbehalten. Es gab aber auch Überschneidungen mit der bürgerlichen Berliner Gesellschaft im Zeichen des Vergnügens, vor allem in Varietés und Etablissements, die auch für die heteronormative Öffentlichkeit zugänglich waren. Im sozialen Leben hingegen blieb man weitestgehend unter sich. Erste politische Vereinigungen, die sich gesellschaftlich exponierten und vor allem für schwule Gleichberechtigung einsetzen, entstanden zu dieser Zeit. Lesbische Bewegungen waren hingegen eng mit der bürgerlichen Frauenbewegung verbunden. Einzelne lesbische Personen engagierten sich auch beharrlich in Hirschfelds “Wissenschaftlich-humanitären Komitee”. Trans, nicht-binäre und Inter Personen waren teilweise wenig oder gar nicht gesellschaftlich sichtbar oder lebten zurückgezogen als 'Transvestiten' und 'Transsexuelle', manche fanden auch Aufnahme in Hirschfelds Institut. Die Lokalität Eldorado war zu dieser Zeit ebenso weit über Berlin hinaus bekannt, Travestiekünstler und sein Tanz-Cabaret waren in ihrer Hyper Feminität und Andersartigkeit Publikumsmagneten. Die trügerische Sicherheit überschaubarer Bewegungsradien und lokaler Konzentration auf wenige Gebiete wurde mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus und dessen 'sittlich-nationaler Erneuerung' verhängnisvoll: Queere Körper waren einmal mehr Spielball der gesellschaftspolitischen und ideologischen (Macht)verhältnisse und dazu einfach lokalisierbar, auffindbar und verfolgbar. Die Gesellschaft hatte diese Körper zwar für eine Zeitlang auf ihren Platz verwiesen, ausgeblendet, aber nicht vergessen.

Schwule und Lesben waren keine homogene Gruppe: Die Narrative der beiden Bewegungen liefen geschichtlich lange sehr unterschiedlich und waren seltener ein gemeinsamer Kampf, da die Bedürfnisse und Dynamiken, aber auch die Unterdrückung und Leiden sehr unterschiedlich waren. Während die Trennung von Arbeit und Familie bei Männern ein Doppelleben begünstigen konnte (wenn die das schwule Liebesleben an die Öffentlichkeit gelang, wurden diese aber kriminalisiert) waren Frauen, die nicht nach gesellschaftlichen Standards leben wollten oder konnten, von vornherein herausgestellt. Das bedeutete auch, dass es in der frühen lesbischen Geschichte einige starke Persönlichkeiten und eigenwillige Einzelgänger*innen gab; Frauen, die ein Leben abseits der Normen von Ehe, Heterosexualität und normativem weiblich sein führten. Im frühen 20. Jahrhundert hatten Geschlechtsausdruck und Sexualität durchaus oft Überschneidungen. Somit ist es heute meistens nicht mehr nachvollziehbar warum und wie zum Beispiel eine Frau als Mann lebte. Weitere Frauen schlossen sich in lesbischen Wohn- und Lebensgemeinschaften zusammen, die als soziales Sicherheitsnetz funktionierten, wo sie Schutz und Unterstützung fanden und sich umeinander kümmerten.

Nach hoffnungsvollen improvisierten 'Tuntenbällen' nach dem Ende des Kriegs verschärfte sich die Lage in den 50er Jahren wieder. Besonders schwule Männer litten unter Polizei Razzien und strafrechtlicher Verfolgung. Der im Nationalsozialismus angewandte Paragraph 175, den es bereits seit 1827 gab, und die strafrechtliche Verfolgung existiert in der BRD bis 1994. In der DDR wird der Paragraph ebenfalls übernommen, Homosexualität ist aber bereits ab 1968 straffrei, die Akzeptanz von Lesben und Schwulen in der Gesellschaft ist dennoch nicht gegeben. Homosexualität durfte in der offiziellen Wahrnehmung nicht existieren und wurde diskreditiert (unter anderem als westlicher unmoralischer Einfluss) oder kriminalisiert (bis in die 80er gab es Überwachungsbemühungen der Stasi). Es gab keine öffentlichen homosexuellen Räume in der DDR, aber durchaus Treffpunkte und Zusammenschlüsse wie der Sonntagsclub . Zentrale Plätze dienten zur heimlichen Kontaktaufnahme, öffentliche Toiletten (sogenannte Klappen) wurden für flüchtigen Sex genutzt und von der Volkspolizei als “Kriminalitätsschwerpunkte” ausgemacht.

Affektive Gegenwart: Queere Körperlichkeit als Konflikt. Ambigue Körper als widerständige Auflösung von Gegensätzen.

It is our suffering that brings us together. It is not love. Love does not obey the mind, and turns to hate when forced. The bond that binds us is beyond choice. (...) In pain, which each of us must suffer alone, in hunger, in poverty, in hope, we know our brotherhood. (...) We know that there no help for us but from another, that no hand will save us if we do not reach out our hand. And that the hand that you reach out is empty, as mine is. You have nothing. You possess nothing. You own nothing. You are free. All you have is what you are, and what you give.
Ursula K. Le Guin: The Dispossessed

In den 1980er Jahren fand mit der weltweiten AIDS-Pandemie das vor allem im Westen Berlins mit zunehmendem Wohlstand befreiter auflebende schwule Leben ein jähes Ende. Vor allem schwule Männer und trans Frauen fielen dem heimtückischen Virus zum Opfer. AIDS machte schwules Leben sichtbar und stigmatisierte es gleichzeitig radikal. HIV galt laut der katholischen Kirche als “Strafe Gottes”, ein Schwulen spezifisches Problem, dessen Betroffene selbst durch ihren Lebenswandel schuld an der Erkrankung waren und unbedingt ausgegrenzt werden müssen, um die Gesamtgesellschaft zu schützen. Pures Überleben: Care Arbeit in Selbstorganisation wurde zu einem einschneidenden und zentralen Bestandteil schwulen Lebens (Kranke pflegen, Trauerbewältigung, Beerdigungen ausrichten, medizinische Versorgung organisieren). Gefährten versorgten einander und schlossen sich zu Wahlfamilien zusammen. Nachts zu tanzen und zu feiern und tagsüber todkranke Menschen pflegen war und ist kein Widerspruch, sondern eine Katharsis, um die psychischen und physischen Belastungen irgendwie zu schaffen, ohne zu verzweifeln.

Anfang der 1990er wurde schließlich der Begriff der (Gender)queerness zuerst in der angloamerikanischen Queer Theorie etabliert und sorgt für einschneidende Veränderungen und fruchtbare Perspektiven auf die vielfältigen Leben außerhalb der Heteronormativität. Die Ausdifferenzierung der (nicht nur) sexuellen Identitäten und der erweiterte Bezugsradius innerhalb eines fluiden Spektrums löst historisch (gewachsene)(gefestigte) Muster schwuler und lesbischer Repräsentation auf und sprengt Grenzen, birgt aber gleichzeitig auch neue Möglichkeiten der Identitätsfindung und -bestimmung. Queerness ist nicht nur eine radikale, anti-normative und anti strukturelle Kraft, sondern destabilisiert auch innerhalb unserer Community die Verhältnisse, macht sie poröser, instabiler, unsicherer und im besten Falle auch offener und vielfältiger. Queerness bedeutet somit ein andauerndes (selbstkritisches)(konfliktvolles) Ausverhandeln von Konditionen, nicht nur mit der Gesellschaft, sondern auch untereinander in unserer Subkultur und ist mit Verlust von erkämpften Privilegien auch innerhalb der Community verbunden.  

Seit 2018 besteht zudem in Deutschland rechtlich die Möglichkeit, beim Eintrag ins Personenstandsregister außer den Geschlechtsidentitäten männlich und weiblich auch die Option 'divers' zu wählen. Diese sogenannte 'dritte Option' steht einem eng gefassten Kreis von trans Personen offen: Menschen die binär transitionieren (mtf oder ftm) oder nichtbinär sind - ausschlaggebend ist das medizinische Gutachten zu "Varianten der Geschlechtsentwicklung". Nicht-binäre, genderfluide, genderqueere und trans* Personen, die sich nicht in psychologische und psychiatrischer Beratung befinden oder begeben wollen, bleiben ungesehen. Die kulturelle, rechtliche, wirtschaftliche und soziale Disziplinierung der widerspenstigen Körper durch die Normen der Gesellschaft wird in diesem rechtlichen Akt sichtbar. Die den (singulären)(diversen) Körpern eingeschriebene Widerständigkeit bleibt (alternativlose)(notwendige)(kollektive)(transformierende) Lebens-Praxis.

Menschen, die (körperliche)(gesellschaftliche) Transitionen durchlaufen, tun dies in der Hoffnung auf ein passenderes Leben. Ihre Perspektive ist dabei oft (aber nicht immer) weitere Unsicherheit, Unberechenbarkeit und Unplanbarkeit: physische und psychische Instabilität durch Hormoneinnahme, Namensänderung, einschneidende soziale Veränderungen, komplexe persönliche Erfahrungen und fortlaufenden (Anpassungs)schwierigkeiten, sich am Weg ins zukünftige, neue Leben zurechtzufinden. Trans, inter und nicht-binäre Personen bilden eine radikale Verhandlung von Leben ab, ausgeschlossen aus der (hetero)(homo) Matrix, fremd in Bezug auf sich selbst, ihre Beziehungen zueinander und die gesamte Gesellschaft. Tin* Personen sind in ihrem Alltag andauernd dazu angehalten, sich zu positionieren, sich selbst, ihre Körper und ihre Identität zu (er)klären. Wieder ein Glitch: Nicht weiblich genug, nicht männlich genug und was denn nun dazwischen? Keine Definition beschreibt befriedigend unseren gefühlten Status. Wir sind Widerspruch, kein weder-noch, sondern ein sowohl als auch. Genauso wie das Leben selbst nicht positiv oder negativ ist, nicht rational oder emotional, sondern alles gleichzeitig: komplex, kompliziert, emotional überfordernd, abhängig, unkontrollierbar, anstrengend und un(auf)haltbar. 

Queere Körper sind Widerstand ('Queer bodies are resistance'): tin* Körper fordern normative und binäre Sichtweisen heraus: Der fluide, ambigue Körper wird zur strukturellen Opposition. Diese Körper arbeiten sich an (sich und) der Welt ab, erzeugen Reibung und Irritation, können dadurch aber auch ein Innehalten im Denken bewirken und (internalisierte)(unbewusste) systemisch-hegemoniale Missstände aufzeigen und so der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten, ihre Regeln, Werte, Entscheidungen und Prozesse hinterfragen. So haben queere Leben das Potenzial, die Gesellschaft anders zu denken ('zu queeren') und Ausschlüsse wieder in die Gesellschaft einzufügen. Verwirrung kann manchmal paradoxerweise doch Klarheit schaffen, da sie die Perspektive ändert und damit neue Möglichkeiten des (diskursiven) Austauschs bietet. 

Kritische Masse: Kollisionen queerer Körper. Gesellschaftliche Möglichkeitsräume und soziale Orte der Begegnung.

We take history into our bodies all the time.
Amrita Hepi

Die Kreaturen der Nacht (die Menschen im Nachtleben) fanden nach dem Mauerfall 1989 in Berlin eine einzigartige Situation vor: Die Energie des Aufbruchs und der vermeintlichen Freiheit im Osten, eine neue Perspektive für das dunkle, kalte und harte Lebensgefühl des subkulturellen Nachtlebens im Westen. Techno - aus Detroit importiert, von seinen Schwarzen Wurzeln gelöst und kommerzialisiert - war fortan der Signature Sound für das neue Berlin. Mit Ecstasy gab es neue synthetische Drogen (als halluzinogene Liebe in Pillenform), die das gesamte soziale Verhalten veränderten. Fröhlicher, lustvoller ziviler Ungehorsam. Mitten in der Stadt gab es eine Unmenge von Freiräumen, Kellern, Bunkern und Hallen, die - anfangs oft als rechtsfreie Räume - einfach überschrieben wurden. Immer größere Räumlichkeiten wurden für halblegale und illegale Raves erschlossen und zwischen genutzt. Industrielle Gebäude wurden so vom Produktionsbetrieb zu Mikrokosmen für sich am 4/4 Takt abarbeitende, schwitzende Körper. Die Monotonie des nicht endenden Tanzens und die kollektive rauschhafte Enthemmung war sexuellen Aktivitäten natürlich nahe liegend. So wurde auch Sexpositivität gefeiert, etwa im schwulen-fetisch Rot-Kreuz-Club, im Bananenbunker an der Reinhardtstraße, der als Vorgänger des jährlich an Ostern stattfindenden Snax Club (im Ostgut, heute Berghain/ Lab.oratory) berühmt (berüchtigt) wurde. 

Heute ist das Nachtleben ein Fixpunkt des Berliner Lebens und eng mit dem internationalen Tourismus verquickt. Menschen aus aller Welt reisen für ein Wochenende nach Berlin, um Clubs und spezifische Veranstaltungen zu besuchen. Die Orte der Nacht sind ein Wirtschaftsfaktor für die Stadt geworden, (hetero)patriarchales und queeres Nachtleben vermischen sich. Überschneidungen mögen mitunter Möglichkeiten für eine breitere Allgemeinheit bieten, Sexualität(en) freier auszuleben. Die Clubs sind heute mehrheitlich neoliberal strukturierte Unternehmen: wirtschaftlich funktionierende Räume, auf Konsum ausgerichtet, profitorientiert, mit teilweise hunderten Mitarbeitenden. Queerness erscheint nicht mehr subversiv, abwegig, pervers oder gar gefährlich. Die “Szene” ist nicht mehr auf Schöneberg und weitere vereinzelte Orte konzentriert, sondern in der ganzen Stadt bis in die Peripherie (als Folge der Gentrifizierung) verteilt. Noch immer haben viele Clubs keine Beschilderung und sind so von außen erst mal nicht identifizierbar. Es ranken sich Mythen darum, was sich im Inneren von solchen Orten abspielt. Eine strenge Türpolitik und Fotografierverbot tun ein übriges, um diese Mythenbildung zu nähren und dem Mainstream das Gefühl zu geben, ausgeschlossen zu sein. Allzu oft wird Queerness mit sexueller Ausschweifung gleichgesetzt und wirkt auf den normativen Mainstream als zeitlich beschränkter Ausbruch aus Konventionen anziehend. Dabei wird oft vergessen: Viele queere und tin* Personen fühlen sich fremd im eigenen Körper, wollen (bewusst) keinen Sex, sind traumatisiert von Missbrauchs- und Gewalterfahrungen, nicht geoutet, (psychisch)(materiell) instabil, sozial vereinsamt. Gerade deshalb brauchen vor allem FLINTA+ und BIPoC besondere Aufmerksamkeit und Schutz. Für viele queere Menschen bedeutet das Nachtleben weniger Hedonismus und Eskapismus, sondern schlichtweg notwendige Bindung zu ihrer Community.

Die schützende Dunkelheit der Nacht lässt auf- und durchatmen, sie schafft Verbindungen und Austausch, körperlich, (non)verbal, intuitiv, fragil und flüchtig. Die sozialen Räume der Nacht funktionieren wie transitive Körper-Archive. In den meisten Clubs und Bars herrscht eine strikte no-photo-policy. (Persönliche)(vertraute)(intime) Momente mit Freund*innen und Fremden, die ausschließlich erlebt werden, die nicht visuell dokumentiert werden können und nicht in die sozialen und medialen Kanäle nahtlos eingespeist werden können ("Was im Berghain passiert, bleibt im Berghain"). Oral history: Erfahrungen und Ratschläge werden von Eingeweihten in mündlichen Erzählungen weitergegeben. Bei Queers und tin* Personen ist die Zeitspanne der Interaktion mit solchen Orten nicht auf einige Jahre der (wilden) Jugend beschränkt. Es gibt keine Rückkehr in ein (hetero)normatives Leben. Räume, in denen sich tin* Personen bewegen, sind weit mehr als die Verhandlung von Sexualität. Sie loten vielmehr soziale Parameter aus: Taxigeld für tin* und PoC wird gesammelt, eine aktive Tür- und Awareness Politik, angeschlossene Kultur- und Workshop-Angebote, Solipreise. Bei aller Kommerzialisierung muss Nachtleben dabei unbedingt leistbar bleiben, um nicht mehrfach belastete Queers von vornherein auszuschließen. Clubs, Bars und Darkrooms werden zu langfristigen sinnstiftenden Möglichkeitsräumen des sozialen (Weiter)lebens. Sie bieten eine gewisse Sicherheit, die aber gleichzeitig Separation ist und Barrieren nach außen schafft. 

Berlin als Zwischenstation, Durchgangsort, Endstation: Der internationale Zustrom von Menschen besonders im letzten Jahrzehnt macht die Stadt diverser, vielfältiger und offener, die Räume des Nachlebens aber auch poröser, unbestimmter, unkontrollierbarer. Der Berliner Bär entpuppt sich als krakenhafter Cyborg: Die internationalen Körper sind techno- und biopolitische Erweiterungen in die globalisierte Welt. Cyborg Berlin ist eine (nicht) intentionale, vieldimensionale Mutation, die sich einfachen Kategorisierungen weitgehend entzieht. Der Privilegienmix wird ausdifferenziert, Geschlechtsidentitäten werden in einer Ansammlung von weiteren (politischen)(kulturellen)(sozialen) Identitätskonzepten aufgelöst, vermischt und überschrieben. Die einzelnen Körper sind Einspeisungen in eine kollektive Maschinerie, (ir)real, hybrid, verwischt im realen und digitalen Raum, immer in Echtzeit. Die Unterscheidung zwischen Physischem und Nicht-Physischem ist irrelevant nicht mehr haltbar. Die einstigen Zuschreibungen, vor den Suzie der Bär geflohen ist, lösen sich im Cyborg Dasein pharmapornographisch (und nicht selten in drogeninduzierten Halluzinationen) auf. Kulturwissenschaftler Paul B. Preciado meint mit dem Begriff den medikamentösen Einfluß der Pharmaindustrie (z.B. Hormonforschung, Pille), die Verbreitung von Pornographie durch mediale Technologien und die Pornifizierung der Körper in Bezug zur Produktion von Gender und Geschlecht.

Queeres Leben ist heute so sichtbar und öffentlich wie nie und bietet dadurch Angriffsfläche für Übergriffe, Anfeindungen, Gewalt und Diskriminierung. Nach einer sehr trivialen Definition ist das Adjektiv queer eine Sammelbezeichnung für Personen, Handlungen oder Dinge, die durch den Ausdruck ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität eine Abgrenzung zur gesellschaftlichen Cisgender-Heteronormativität vollziehen. Wenn wir Queerness aber als Verb verstehen, dann wird es ein Begriff der (Ver)handlung, der (Selbst)verantwortung und einer aktiven Haltung zur Welt. Eine solche Herangehensweise verhindert auch, dass Queerness selbst institutionalisiert wird, wobei wir auch ein gewisses Maß an Struktur brauchen, um innerhalb der Gesellschaft zu funktionieren und eine humane Grundlage für unsere Leben zu haben. Heute sind die Wohnorte von tin* Personen, wie auch deren Räume der Begegnung über ganz Berlin verteilt. Diese Infrastrukturen sind keine rein hedonistischen Orte oder Strukturen der Macht oder Repräsentation, sondern funktional-soziale Katalysatoren, Initiativen und Institutionen, die Verantwortung übernehmen und Gemeinschaft stiften. Öffentlich geförderte Stellen, autonom geführte Vereine, Nachbarschafts Cafés, die sich um Anliegen wie Gesundheit, Rechte, Organisation, Beratung und Unterstützung kümmern, kulturelle Angebote, Geschichtsaufarbeitung, Archive und Museen (etwa das Schwule Museum). 

Raum einnehmen: Utopische Erfahrungen. Queeres Leben als fluide Perspektive für eine unbestimmte Zukunft.

Queerness is not yet here. Queerness is an ideality. Put another way, we are not yet queer, but we can feel it as the warm illumination of a horizon imbued with potentiality. We have never been queer, yet queerness exists for us as an ideality that can be distilled from the past and used to imagine a future. The future is queerness's domain.
José Esteban Muñoz: Cruising Utopia. The Then and There of Queer Futurity.

Für den queeren Theoretiker José Esteban Muñoz ist die Vorstellung von Queerness eine Idealität, heißt, sie ist nur einer Idee entsprechend (ideal) vorhanden. Für ihn existiert Queerness als etwas, das aus der Vergangenheit erzeugt und für eine Vorstellung von Zukunft genutzt werden kann. Queerness ist das, was uns fühlen lässt, dass die Welt in der wir jetzt leben nicht genug ist. Was Muñoz mit dem Wort der Utopie umschreibt ist für trans-inter-nicht-binäre Personen ein Möglichkeitsraum, um das Leben anders zu denken. Diese (kreative)(destruktive) Energie speist sich direkt in und aus der (leidenschaftlichen)(schmerzvollen)(existenziellen) Erfahrung von Leben und bringt transformatives Potenzial mit sich.

Wie manifestieren sich unsere (utopischen) Gedanken und (realen) Bedürfnisse in (konkreten) Räumen? Wie wollen wir solch eine ungewisse Zukunft gestalten? Das (Er)leben der Pandemie hat aufgezeigt, wie einschneidend der plötzliche Verlust von Räumen für queere Menschen sein kann. Faktischer Stillstand des sozialen Lebens und damit einhergehende Vereinsamung, die nicht von klassischen Strukturen (Kernfamilie)(Blutsverwandtschaft) aufgefangen werden können. Queerness entfaltet sich (nicht homogen) mitten im sozialen, öffentlichen Leben. Unsere Zukunft ist nicht isoliert von einer allgemeinen gesellschaftlichen Perspektive zu denken. Unser Leben muss laufend kontextualisiert werden und sich zum gesellschaftlichen Leben positionieren, gleichzeitig von außen und von innen. Wir Queers sind genauso von Dominanzkultur, hegemonialen, oppressiven Denkmustern und dem positivistischen Spektakel des Kapitalismus durchdrungen wie jede andere Gesellschaftsgruppe auch. Unsere Realität ist weder einzigartig, dystopisch noch optimistisch, nicht naiv romantisch und hat sich jeder Art von ideologischen Färbung zu entziehen. Leben im Spätkapitalismus ist ausdifferenziert, und schafft atomisierte Individualist*innen. So ist auch queeres Leben in Berlin vorrangig von Neoliberalismus und Hyperkonsum definiert und wird vor allem von gut ausgebildeten (allerdings nicht mehr gut situierten) Subjekten theoretisch reflektiert und diskutiert. Auch wenn die sogenannte Mittelschicht erodiert und immer mehr die prekäre Lage zu spüren bekommt, befindet sie sich immer noch in einer privilegierten Situation, finanziell abgesichert, gut ausgebildet und krankenversichert. Patriarchale Machtpolitik und Dominanzkultur sind auch in Berlin vorherrschend. Politische Verantwortung wird dabei möglichst abgeschoben oder in die Privatwirtschaft outgesourced. Die global agierende, feudalistisch organisierte Marktwirtschaft (Plattformkapitalismus) ist hingegen so gut wie keinen Regeln unterworfen und alles wird ihr untergeordnet. Sie treibt die Ausbeutung von unserer subkulturellen Realität(en), deren Einspeisung in den Mainstream und Kapitalisierung immer weiter voran. Performative Queerness trendet als konsumierbarer (Life)style ohne Inhalt, als frischer Hype, als progressive Ästhetik und trendiger Ego-Boost, als coole Differenz und kulturelles Kapital innerhalb der eigenen Blase, als performativer Freizeit-Aktivismus bürgerlich privilegierter Subjekte. 

The old is dying and the new cannot be born; in this interregnum a great variety of morbid symptoms appear.
Antonio Gramsci

So ist Queerness heute nur innerhalb eines nekrokapitalistischen Settings zu denken. Nekropolitik ist nach Achille Mbembe die sozial-politische Macht, die bestimmt, wie Menschen leben und sterben müssen. Weder sich zu assimilieren noch es sich in Opferrollen bequem zu machen, noch in Ermangelung von Alternativen einfach aufgeben muss queere (Lebens)strategie sein. Wir müssen Missstände klar benennen, einander laufend gegenseitig (befruchten)(beeinflussen)(inspirieren)(kritisieren) und diss(id)ente Taktiken entwickeln, die die einzelnen Subjekte ermächtigt und uns gleichzeitig in einem Akt der kollektiven Anstrengung aus (hegemonialen)(dominanten) Denkmustern lösen. Dabei müssen wir laufend rekonfigurierbar und anschlussfähig bleiben. Menschen brauchen Beziehungen, um zu überleben; Körper müssen Allianzen bilden, besonders in einer fragmentierten, einer gemeinsamen Realität beraubten Gesellschaft des überbordenden Hyperkonsums, wo Individuen laufend in Konkurrenz zueinander stehen, orientierungslos von einem (unerfüllten)(simulierten)(aufgedrängten) Begehren zum nächsten hetzen und sich dabei völlig erschöpfen. Queere Allianzen organisieren sich heute (mobil)(reversibel)(subversiv) nicht nur lokal, sondern immer stärker transnational und online (ein Großteil der Gen Z bezieht ihre Informationen über Queerness ausschließlich aus sozialen Medien). Genauso verlegen sich auch die privaten Kontakte in die Virtualität spezifischer Datingplattformen. Das direkteste und intensivste Gefühl von Verbindung mit anderen Menschen passiert wohl für viele im Mikrokosmos Dancefloor. In der Menge aufgehen und sich dabei ganz selbst spüren. Die überaus lebendige lokale Berliner Rave Community ist seit jeher bestens vernetzt: Berlin dient als Referenzpunkt für die Aufbruchstimmung in neuen Hotspots wie Tiflis, Kiew (durch die Russische Invasion leider nicht mehr) und Athen. Geschichte wiederholt sich. Während sich die relevanten Clubs von früher immer mehr institutionalisieren, entmaterialisieren sich queere Raves und lassen sich nicht auf bestimmte Orte festlegen. Die progressive Szene wirkt heute dynamischer, Bookings werden vielfältiger, der transformierende Beitrag der queeren Veranstalter zur Entwicklung der gesamten Berliner Clublandschaft kann nicht bedeutend genug eingeschätzt werden. Queere Raves sind soziale Biotope: Vorübergehend, vergänglich, migrantisch nisten sie sich in bestehende Strukturen ein oder erschließen temporär neue. Kollektive, die gegenwärtig vor allem aus der erweiterten schwulen Community kommen, wie Cocktail d’ Amore, Herrensauna, Gegen, Buttons, same bitches oder von queer-feministischen Kollektiven wie rooms 4 resistance, Brenn. und Lecken agieren (körper)(gesellschafts)politisch, lösen für einen Moment Raum und Zeit auf und bilden sogenannte Temporäre Autonome Zonen (nach Hakim Bey), in denen ein anderes Leben möglich scheint und mitunter ausagiert wird.

The master's tools will never dismantle the master's house. They may allow us temporarily to beat him at his own game, but they will never allow us to bring about genuine change.
Audre Lorde

Eine Queerness, die aus am eigenen Körper erfahrener Negativität, gesellschaftlicher Ausgeschlossenheit, sexueller und kultureller Repression kommt, steht in der Tradition von Schwarzen Feminismen und positioniert sich klar gegen die Perspektive(nlosigkeit) eurozentrischer Feminismen weißer cis-Frauen, die auf einzig auf Integration, Gleichberechtigung und einer verbesserten Stellung innerhalb des Systems abzielt. So wie wir Queerness verstehen, müssen wir aktiv und (selbst)kritisch, andauernd und unermüdlich von den Rändern aus operieren und damit das hegemoniale System selbst verändern. Wenn unsere Narrative in die Mitte driften, uns einer Integration und Assimilation immer wieder bewusst entziehen. Auch wenn es für uns privilegierte Queers (weiß, Klassenprivilegien,…) der bequemere(re) Weg zu sein scheint, müssen wir Veränderung nicht nur für uns einfordern, sondern auch Solidarität leben. Wir müssen uns bewusst sein, dass viele queere und unterprivilegierte Menschen durch ihre Mehrfachbelastung keine Wahl haben, überhaupt aktiv an dieser Gesellschaft zu partizipieren. Queerness, die nur ihre eigenen Narrative bündelt und vor allem homogenisiert, wird selbst bequem, reaktionär, statisch und starr. Deshalb muss Queerness sich andauernd hinterfragen und rekontextualisieren, um möglichst (unangepasst)(liqiude) zu bleiben. Die passive Trägheit der Gesellschaft kann und will ein (pessimistisches) Außen nicht (mit)denken. Deshalb sind Mainstream und Queerness per Definition nicht kompatibel. Unreflektierte Privilegien innerhalb der Community fördern gerade in Berlin oft hierarchische Strukturenbildung, reproduzieren toxische Maskulinität, patriarchale Machtstrukturen, Homonormativität und trans exklusiven Feminismus. Wir sind eben nicht alle gleich. Wir brauchen Mut zur (eigenen) Instabilität und zu einer Destabilisierung der allgemeinen Verhältnisse. Queerness bedeutet Dringlichkeit, aus einem Unbehagen am Zustand der bestehenden Welt beständig Unruhe zu stiften. Sie muss laufend verhandelt werden und dabei Täter- und Opfernarrative überwinden, um (selbst)bestimmt und handlungsfähig zu sein. Tin* Menschen erzeugen Reibung und müssen Fremdkörper in der Masse bleiben, um ihre transformative Energie zu behalten. Machen wir uns nichts vor: Es gibt kein Versprechen von Glück oder einem positiven Leben, es gibt realistischerweise nicht einmal Hoffnung. Vielleicht geht es einfach darum, das Leben anzunehmen, wie es ist. Am Leben teilzuhaben ohne verbittert zu sein, das Leben zu leben, so gut man eben kann. Radikale Zärtlichkeit und zärtliche Radikalität helfen dabei. Im besten Falle Pleasure Activism (nach Adrienne Maree Brown): Lustvolle Widerspenstigkeit. Widerständige Lust. Gleichzeitig aber: Queere Menschen sind nicht übermenschlich stark und bleiben nur allzu oft auf der Strecke. Auch und gerade in Berlin.

Berlin, der Stadt gewordene Bärenkörper: Aus seiner Geschichte heraus in andauernder eruptiver Transition und Transformation, kann Berlin als Konglomerat von kollektiven Körpern gelesen werden, das sich im (ständigen)(sprunghaften) Übergang befindet und abrupt Perspektiven wechselt. Berlins Queerness kann dabei die Rolle eines Trojanischen Pferdes im Pelz eines Bären ("einen Bären aufbinden") zukommen, die die Stadt gleichwohl von innen wie von außen verändert. Berlin scheint jedoch mitunter eher ein geschundener, tätowierter Cyborgkörper identitätsloser Subjekte, bewusstseinserweitert und gleichzeitig beschränkt im monoton stampfenden elektronischen Beat und den Rauschzuständen diverser synthetischer Drogen, ein schwindliges Kreiseln um sich selbst, in einem historisch-dystopischen Setting zu sein. Queerness verhält sich wie ein organischer, orgiastischer Oktopus unterschiedlicher Körperextremitäten, die sich transnational erstrecken, digital in einer globalen Community vernetzt und in der lokalen Subkultur verortet. Die Stadt wird dabei oft genug auch selbst transitioniert, interimistisch (aus)genutzt und akritisch konsumiert, um nach ein paar (Tagen)(Monaten)(Jahren) wieder weggeworfen und verlassen zu werden. Berlin wird un(be)greifbarer und undefinierter, entleertes Symbol, seiner besonderen Identität durch den nomadischen Neoliberalismus beraubt. Und damit auch ein Verlust an Positionierung zur Welt. Queeres Berlin ist heute allzu oft emotionales Vakuum, Parallelrealität, Ver(w)irrung, ein paar Jahre aufregende, aber letztlich verlorene Zeit linearer Lebensläufe und wird nicht sonderlich ernst genommen. Fraglich bleibt, ob die laufende Rekonfigurierung durch Mythologisierung der Geschichte, hegemoniale Macht- und Biopolitiken, Bildungsbürgertum, Hyperkonsum, Neoliberalismus, Massen- und soziale Medien, die letztlich auch Löschung und Überschreibung queerer (individueller)(kollektiver) Identitäten bedeutet, auch das nötige Commitment und Solidarität für jene, die Berlin langfristig ihr Zuhause nennen, hervorzubringen vermag, um queeres Leben als (gesamt)gesellschaftliches Potential relevant zu halten. 

We must live in the future to prepare a present, we must be in the past to prepare a present and a future. You see, we are practitioners of a world that does not exist but will.
Bilphena Yahwon

Berlin bleibt gel(i)ebte Gegenwart. Eine Stadt ohne Vergangenheit und ohne Zukunft. 

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